Am Du zum Ich werdend
Der innere Prozess in der Begegnung mit dem Fremden als Übungsweg
von Vanessa Maryam Berndt
HIER erhältlich.
"Dieses Buch ist die Essenz meiner Erfahrung nach 30 Jahren interkulturellen Dialogs.
Es handelt davon, wie der Austausch mit Andersdenkenden zur Selbsterkenntnis und Transformation des eigenen Denkens, Fühlens und Wollens beitragen kann. Denn nur, wenn durch Dialog Neues in uns entsteht, kann sich unsere Gesellschaft als Ganzes weiterentwickeln.
Zu Beginn wird erläutert, was das "Ich" ist und wie es erst in der Begegnung mit dem "Du" entstehen kann. Basierend auf dem Dialogischen Prinzip Martin Bubers und der Theorie U. Otto Scharmers werden weitere Werke von Carl Rogers, Marshall Rosenberg, David Bohm und Rudolf Steiner durchleuchtet.
Es folgt eine Synthese in Form eines praktischen Übungsweges (Transformative Intercultural Dialogue TID), der sich sowohl für die Selbstreflexion als auch für die Arbeit mit Gruppen eignet." Vanessa Maryam Berndt
Einleitung - Warum dieses Thema?
Fremde Kulturen und Sichtweisen auf die Welt faszinierten mich schon immer. Mit der Zeit entwickelte sich dies zu dem Wunsch, Andersdenkende zu verstehen und mich in ihre Perspektive hineinzuversetzen. So kam es zu Dialogen mit Mitgliedern verschiedener Kulturen und Glaubensgemeinschaften, aber auch mit Extremisten und vielen anderen Menschen, die von der Mehrheitsgesellschaft meist gemieden und an den Rand gedrängt werden. Viele ihrer Äußerungen konnte ich zwar nicht akzeptieren, jedoch wollte ich sie aus ihrer persönlichen Lebensgeschichte heraus verstehen lernen.
So entwickelte ich mich auch beruflich zu einer Brückenbauerin zwischen verschiedenen Gesellschaftsformen und Kulturen. Diese Erfahrungen wurden während eines vierjährigen Aufenthalts beim Stamm meines Mannes in der marokkanischen Sahara und eines dreijährigen Aufenthalts bei yukatekischen Mayas in Mexiko zusätzlich vertieft. Ich erlebte vieles, das mir absolut fremd war. Um zu verstehen, ein Teil des Gesellschaftssystems zu werden und eine größtmöglich emische Sichtweise zu entwickeln, war es mein Ziel, die „Brille“ meiner eigenen Kultur abzulegen, ohne jedoch meine Identität gänzlich zu verlieren.
Bei all dem beobachtete ich mich selbst und entdeckte, dass diese Art des Dialogs eine Veränderung meiner Eigen- und Fremdwahrnehmung in mir auslöste. Sie in Worte zu fassen, fiel mir schwer. Immer weniger gelang es mir auch, Partei für einen Standpunkt zu ergreifen, da ich stets Verständnis für alle Perspektiven entwickelte.
Im Laufe meiner Studien in den Bereichen Psychologie, Philosophie und kognitive Ethnologie stieß ich auf so manche Werke und Methoden, die mir ermöglichten, das auszudrücken, was während des Dialogs mit so vielen verschiedenen Menschen in meinem Inneren geschah.
In dieser Arbeit möchte ich genau diesen Bereich unterschiedlicher Autoren beleuchten: Wie entsteht ein wirklicher Dialog? Welcher Prozess geschieht im Inneren eines Menschen während des Dialogs? Und daraus folgend: Welche Voraussetzungen benötigt ein gelingender Dialog?
Der begrenzte Rahmen der vorliegenden Arbeit wird dem Thema nicht gerecht. Die Erarbeitung fand auf einer breiteren und tieferen Weise statt als er hier dargestellt werden kann. Sie ist die Frucht jahrelanger Erfahrungen, Begegnungen, Reflexionen und Recherchen.
Diese Arbeit konzentriert sich hauptsächlich auf den interkulturellen Dialog, jedoch lassen sich ihre Ergebnisse auch auf andere Dialogarten, so z. B. in den Bereichen Politik oder Gender, übertragen.
„Dein Mitmensch ist dein Spiegel.
Wenn dein eigenes Gesicht rein ist,
wird auch das Bild, das du siehst, makellos sein. Wenn du aber deinen Mitmenschen betrachtest
und einen Makel siehst, ist es deine eigene
Unvollkommenheit, der du begegnest.“
~ Baal Shem Tov, jüdischer Gelehrter